Die Verantwortung der Livekultur - wie Festivals und Konzerte den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben

Publiziert am 17.06.2025

Der Artikel beleuchtet die gesellschaftliche Verantwortung von Musikfestivals. Er zeigt, wie Veranstaltungen durch nachhaltige Konzepte, soziale Projekte und inklusive Strukturen zu Orten des positiven Wandels werden. Anhand konkreter Beispiele wird aufgezeigt, wie Live-Kultur niedrigschwellige Zugänge schafft, Bewusstsein stärkt und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.

Livekultur ist wesentlich mehr als Orte des Feierns – hier bilden sich gesellschaftliche Mikrokosmen, die ihre Strahlkraft weit über das Veranstaltungsgelände hinaus entfalten. Sie prägen kulturelle Narrative, setzen politische Impulse und bieten Raum für Inklusion, Diversität und ökologische Verantwortung. In einer Zeit, in der soziale Ungerechtigkeit, Klimakrise und der erstarkende Rechtspopulismus die Gesellschaft herausfordern, stehen Veranstaltende, Artists und das gesamte Ökosystem der Livekultur vor der Aufgabe, sich zu positionieren und Verantwortung zu übernehmen.

Livekultur als gesellschaftlicher Resonanzraum

Kulturelle Veranstaltungen haben die einzigartige Möglichkeit, Menschen in einem positiven, wie unterhaltsamen Kontext mit gesellschaftlich relevanten Themen in Berührung zu bringen. Wo sonst treffen so viele verschiedene Menschen aufeinander, erleben gemeinsam Emotionen, werden inspiriert und in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt?

Ein Beispiel für diese Kraft sind Festivals - egal ob groß und international oder klein und lokal - die Liste der Festivals, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, wächst mit jeder Saison. Das Rockharz Open Air zum Beispiel ist ein Metal-Festival im Harz, das seit 1993 stattfindet. Es legt großen Wert auf soziales Engagement und Nachhaltigkeit. Seit 2013 gibt es das Projekt "Glück in Dosen", bei dem Pfandflaschen und -dosen gesammelt und die Erlöse an soziale Projekte gespendet werden. Bis 2023 wurden so über 270.000 Euro für regionale soziale Projekte, insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit, gesammelt. Zudem fördert das Festival Inklusion durch barrierefreies Camping und Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Braunschweig, die 24-Stunden-Pflegedienstleistungen anbietet.

Das Modular Festival in Augsburg ist ein dreitägiges Musikfestival, das jährlich rund 30.000 Besuchende anzieht. Es legt besonderen Wert auf Partizipation und Vernetzung, indem es Jugendliche und junge Erwachsene aktiv in die Organisation einbindet. Durch Workshops, Kunst- und Kulturangebote sowie Sportaktivitäten fördert das Festival die lokale Kultur- und Kreativwirtschaft. Der Fokus auf ehrenamtliches Engagement und die Einbeziehung der lokalen Gemeinschaft machen es zu einem wichtigen Bestandteil der regionalen Jugend- und Popkultur.

Was besonders beeindruckend ist an der deutschen Festivallandschaft ist die Vielzahl an Benefizfestivals, die rein ehrenamtlich organisiert ein wichtiges Zeichen in der jeweiligen Region setzen. Der Kulturknall ist ein seit 1994 jährlich stattfindendes Benefiz-Festival in der Region um den Staffelsee in Oberbayern. Alle Artists treten ohne Gage auf, und auch das Team des Festivals arbeitet ehrenamtlich. Der Reinerlös fließt vollständig in die Hilfsprojekte des Vereins "Menschen

Helfen e. V.", der in Not geratene Menschen unterstützt. Im Jahr 2023 wurde ein Rekorderlös von 63.000 Euro erzielt.

Das Lunatic Festival findet jährlich auf dem Campus der Leuphana Universität Lüneburg statt und wird von Studierenden organisiert. Mit bis zu 3.000 Besuchern pro Tag legt das Non-Profit-Festival besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und soziales Engagement. In Zusammenarbeit mit Umweltwissenschaftler:innen der Leuphana Universität wurde ein Leitfaden entwickelt, um das Event sozial- und umweltverträglich auszurichten. Erste Maßnahmen umfassten die CO2-Kompensation von An- und Abreisen sowie die ausschließliche Nutzung von Recyclingpapier für Printprodukte. Seit 2010 widmet sich das Festival jährlich einem spezifischen Nachhaltigkeitsthema – darunter Mobilität, Wasser und Energie –, um gezielt Bewusstsein für ökologische Herausforderungen zu schaffen. Ein begleitendes Partnerseminar an der Leuphana Universität vertieft diese Ansätze kontinuierlich.

Aber auch große Festivals wie Primavera Sound, EXIT, Superbloom oder Lollapalooza, setzen gezielt auf Diversität, Inklusion und Nachhaltigkeit. Primavera Sound zum Beispiel ist ein echter Vorreiter: Vom ersten geschlechtergerechten Line-up seiner Größenordnung über rein weibliche Headliner im Jahr 2025, hin zur einzigartigen Partnerschaft mit der Sustainable Development Goals Campaign der Vereinten Nationen – das Festival setzt neue Maßstäbe in Sachen Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit. Das EXIT Festival im serbischen Novi Sad ist heute das größte Festival seiner Region und einst aus einer Jugendbewegung für Freiheit und Frieden entsprungen. Das preisgekrönte Festival setzt bis heute einen klaren Fokus auf seine gesellschaftliche Verantwortung, indem es sich zum Beispiel mit der “Life is Live!” Kampagne für das Thema mentale Gesundheit und gegen die digitale Abhängigkeit unserer Gesellschaft einsetzt. Das Superbloom Festival in München setzt ein starkes Zeichen in Richtung Inklusion und arbeitet seit seiner Entstehung daran, für Menschen mit Behinderungen immer zugänglicher zu werden. Was mit 200 Besuchenden mit Behinderung im ersten Jahr des Festivals begann, konnte 2024 mit 1000 Menschen mit Behinderung beziffert werden. Das Berliner Lollapalooza Festival ist das erste, das sich durch seine ISO20121 Zertifizierung und einem starken Team aus Nachhaltigkeitsmanager:innen messbar für die Reduktion der eigenen CO2 Emissionen einsetzt.

Von der Bühne in die Gesellschaft: Künstler:innen als Multiplikator:innen

Nicht nur Veranstaltende, sondern auch die Artists selbst tragen eine wachsende gesellschaftliche Verantwortung. Immer mehr Acts nutzen ihre Reichweite und Popularität, um aktiv Haltung zu zeigen – und damit Vorbilder für ihr Publikum zu sein.

Die Sportfreunde Stiller zum Beispiel engagieren sich seit Beginn des Ukraine-Krieges mit dem Kultur Konvoi, indem sie Rettungswagen voller Hilfsgüter in das Kriegsgebiet bringen und hybride Konzerte mit Musikschaffenden aus der Ukraine veranstalten – ein starkes Zeichen für Solidarität und Frieden. Die Beatsteaks wiederum setzen mit ihrer AJZ Tour 2024 ein klares Statement gegen Rassismus und das erstarkende rechtsradikale Spektrum in Deutschland. Ein weiteres Beispiel ist die Band Tokio Hotel, die sich für Diversität und queere Rechte stark macht, oder Bush.ida, die in

ihrer Musik feministische Themen und Umweltschutz verbindet. Und auch die Sängerin und Produzentin Mine setzt sich in ihrer Musik immer wieder mit sozialkritischen und umweltbewussten Themen auseinander. Mayberg nahm 2025 Siebdruckmaschinen mit auf Tour, mit denen sich die Fans selbst mitgebrachte Kleidungsstücke veredeln konnten. Aber auch Bibiza setzt mit Songs wie “Luxusparese” oder “Tanzen” gesellschaftskritische Themen schwungvoll in Szene. Solche Initiativen zeigen: Artists können nicht nur auf der Bühne performen, sondern aktiv gesellschaftliche Veränderung mitgestalten.

Die Kraft der Livekultur: Mehr als nur Unterhaltung

Die gesellschaftliche Verantwortung der Livekultur endet nicht vor den Toren der jeweiligen Veranstaltungsorte. Die Strahlkraft von Konzerten und Festivals reicht tief in unsere Gesellschaft hinein – sie schafft Bewusstsein, inspiriert zum Handeln und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Nie zuvor waren die Möglichkeiten für das gesamte Musik-Ökosystem so vielfältig, gesellschaftliches Engagement zu übernehmen. Livekultur Orte sind Labore für neue Ideen, für kreative Lösungen und für eine Kultur des Miteinanders. Sie bieten die Chance, Haltung nicht nur zu zeigen, sondern aktiv zu leben.

Denn eines ist klar: Livekultur ist mehr als nur Entertainment – sie ist ein mächtiges Werkzeug für positiven Wandel. Und genau deshalb ist es so wichtig, ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst zu nehmen.

Ein Text von Mia Heresch.

Weiterführende Links: