Slow Touring – Musiktourneen im Zeichen von Nachhaltigkeit und Entschleunigung
- Martina Zurhold
Erläuterung des Prinzips Slow Touring, mit Praxisbeispielen und Fördermöglichkeit.
In einer Musikbranche, die von schnellen, profitgetriebenen Tourplänen geprägt ist, gewinnt ein neues Konzept an Bedeutung: Slow Touring. Inspiriert von der Slow-Movement-Philosophie – die etwa aus „Slow Fashion“ oder „Slow Food“ bekannt ist – zielt Slow Touring darauf ab, Tourneen ökologisch, sozial und künstlerisch nachhaltiger zu gestalten. Statt schneller Auftritte in großer Masse geht es um entschleunigte Reiserouten, lokale Vernetzung und einen geringeren ökologischen Fußabdruck. Was häufig vergessen wird, ist das Slow Touring aber auch Möglichkeiten für alternative Einnahmequellen für Musiker:innen und DJs eröffnen kann.
Arbeitsdefinition: Slow Touring
Slow Touring bezeichnet einen normativ ausgerichteten, nachhaltigkeitsorientierten Ansatz der Planung, Organisation und Durchführung von Konzerttourneen in der Musikbranche. Der Begriff überträgt die Prinzipien der Entschleunigungsbewegung („Slow“-Ansätze) auf den Live-Musiksektor und zielt auf eine strukturelle Reduktion ökologischer Belastungen, eine Stärkung regionaler Wertschöpfung sowie eine qualitative Neugewichtung von Zeit, Mobilität und Produktion. Im Zentrum steht nicht die Maximierung von Reichweite, Taktung oder Umsätzen, sondern die bewusste Gestaltung von Tourprozessen unter Berücksichtigung ökologischer Tragfähigkeit, sozialer Verantwortung und kultureller Nachhaltigkeit.
Slow Touring umfasst dabei insbesondere:
• reduzierte und strategisch geplante Reiserouten zur Emissionsminderung,
• nachhaltige Produktions- und Logistikstrukturen (z. B. Energie, Transport, Technik),
• faire Arbeitsbedingungen entlang der Tourwertschöpfungskette,
• nachhaltiges Merchandise im Sinne von Slow Fashion,
• verantwortungsbewusstes Catering im Sinne von Slow Food,
• sowie Zero-Waste- und Kreislaufansätze.
Slow Touring versteht Tourneen somit nicht primär als kurzfristiges Verwertungsmodell, sondern als langfristig verantwortete kulturelle Praxis.
Abgrenzung zu „Green Touring“
Während Green Touring primär auf die ökologische Optimierung bestehender Tourstrukturen abzielt (z. B. CO₂-Kompensation, effizientere Technik, nachhaltigere Materialien), geht Slow Touring konzeptionell darüber hinaus. Es beschränkt sich nicht auf ökologische Effizienzsteigerungen innerhalb eines unveränderten Wachstumsparadigmas, sondern hinterfragt die strukturelle Logik permanenter Beschleunigung, globaler Verdichtung und quantitativer Expansion im Live-Sektor.
Green Touring kann somit als operativ-technischer Nachhaltigkeitsansatz verstanden werden, während Slow Touring einen umfassenderen, systemisch-kulturellen Transformationsansatz darstellt, der ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen integriert und die normative Frage nach Maß, Tempo und Wertschöpfung neu stellt.
Traditionelle Tourmodelle verursachen erhebliche CO₂-Emissionen, nicht nur durch Flug- und Busreisen, sondern auch durch großen Materialtransport und energieintensive Bühnentechnik. Künstler:innen und Veranstalter:innen hinterfragen deshalb zunehmend, wie sich Touren umweltverträglicher realisieren lassen – von Bahnreisen über regionale Konzertreihen bis hin zur Kooperation mit lokalen Kreativen. Beispiele hierfür gibt es bereits:
Im Rahmen des Slow Touring-Projekt des Goethe-Instituts Dublin reiste der Berliner Musiker und Krach & Getöse Jury-Member LIE NING im Herbst 2024 per Zug und Fähre einmal quer durch Europa – von Amsterdam über Paris und Dublin bis nach Manchester und Brüssel. Statt in Eiltempo von Stadt zu Stadt zu hetzen, lag der Fokus auf langsamen Anreisen, dem Austausch mit lokalen Communities und Zusammenarbeit mit Musiker:innen und DJs vor Ort.
An jedem Tourstopp wurden nicht nur Konzerte gespielt, sondern auch gemeinsame Sessions, Workshops und Diskussionen angeboten, die ökologische Nachhaltigkeit in der Musikproduktion und im Touring-Alltag thematisierten. Zudem kamen lokal produzierte Bühnenelemente und Ausstattung zum Einsatz – ein Beitrag zur Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks und zur Stärkung regionaler Strukturen.
Für LIE NING selbst bedeutete Slow Touring nicht nur umweltbewusstes Reisen, sondern auch eine soziale Nachhaltigkeit im Sinne einer tieferen Auseinandersetzung mit den Orten und Kulturen, die er besuchte. Indem er lokale Künstler:innen in seine Europa-Tour integrierte, schuf er Begegnungen, die über das reine Konzert hinausgingen und den kulturellen Austausch förderten.
Ein weiteres interessantes Praxisbeispiel aus der Konzert- und Touring-Praxis ist die „FLINTA* Winta“-Tour der deutschen Punk-Band Team Scheisse im Frühjahr 2026. Für eine Reihe von Shows in Städten wie Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig, München, Nürnberg, Wiesbaden und Köln plante die Band ein besonderes Tourkonzept, bei dem Konzerte ausschließlich für FLINTA*-Personen stattfanden. Ziel war es, Räume zu schaffen, in denen toxische Dynamiken, die auf Konzerten oft erlebt werden, bewusst vermieden werden und ein sicheres, inklusives Umfeld für das FLINTA*-Publikum ermöglicht wird.
Begleitet wurde dieses Konzept durch weitere Maßnahmen wie die Zusammenarbeit mit Veranstaltungsorten, die bereits über Awareness-Konzepte verfügen, faire Bezahlung aller Beteiligten sowie die Einbindung von FLINTA*-Bands als Support-Acts. Auch wenn es sich hierbei nicht primär um ein „Slow Touring“-Projekt im klassischen ökologischen Sinn handelt, steht dieses Tourkonzept für eine praktische Erweiterung eines wertebasierten Touring-Ansatzes: Es denkt Tourneen nicht nur als reine Abfolge von Shows, sondern als kuratorisch bewusste Veranstaltungsserie, die soziale Nachhaltigkeit, Community-Sichtbarkeit und Diversität ins Zentrum stellt – wichtige Dimensionen einer nachhaltigen Livekulturpraxis.
Auch international zeigen sich vergleichbare Ansätze. Im Rahmen ihrer „Happier Than Ever“-Tour integrierte Billie Eilish in mehreren Städten gezielt Nachhaltigkeits- und Community-Elemente. Beim Berlin-Stopp – unter anderem in der Mercedes-Benz Arena – wurden lokale NGOs eingeladen, sich im Umfeld des Konzerts zu präsentieren. Ergänzend fanden Workshops und Informationsangebote zu Klima- und Umweltfragen statt. In Kooperation mit der Non-Profit-Organisation REVERB wurde zudem an nachhaltiger Tourlogistik, Mehrweg-Systemen und klimabezogenen Aktivierungen für Fans gearbeitet. Das Konzert wurde damit nicht nur zur Musikveranstaltung, sondern zur Plattform für zivilgesellschaftlichen Dialog und Umweltbildung.
Solche Beispiele zeigen, dass Slow Touring mehr ist als nur ein nachhaltiges Reisekonzept, sondern eine Erweiterung der kuratorischen und gesellschaftlichen Verantwortung von Live-Produktionen. Es verbindet ökologische Maßnahmen mit sozialer Einbindung und schafft Mehrwert für lokale Szenen. Für Veranstalter:innen und Booker:innen ergeben sich daraus konkrete Ansatzpunkte: längere Aufenthalte, Kooperation mit lokalen Initiativen, Nutzung vorhandener Infrastruktur, partizipative Formate sowie transparente Kommunikation zu Nachhaltigkeitszielen. Für Künstler:innen können daraus neue, alternative Einnahmequellen entstehen, bspw. Honorare für Workshops, Seminare Speaking Opportunities jenseits des Bühnenauftritts.
Merchandise
Das Slow Touring-Prinzip lässt sich auch auf den Merchandise-Bereich im Sinne der Slow Fashion übertragen: Statt schnell produzierter, günstiger Massenware setzen Künstler:innen zunehmend auf langlebige, fair und umweltschonend produzierte Produkte. Ziel ist es, Ressourcen zu sparen, transparente Lieferketten zu fördern und Merch als qualitativ hochwertiges, zeitloses Erinnerungsstück statt als Wegwerfartikel zu positionieren. So achtet etwa Billie Eilish bei ihren Kollektionen auf nachhaltigere Materialien und verantwortungsvollere Produktion, Coldplay integriert Umweltaspekte konsequent in Tour- und Merchkonzepte, und Milky Chance setzen verstärkt auf Print-on-demand Fanartikel. Merchandise wird damit Teil einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie im Sinne des Slow-Touring-Gedankens.
Catering
Der Slow Food-Gedanke hat bereits Einzug in viele Tour Rider und Backstage-Räume gehalten. Zunehmend legen Künstler:innen Wert auf gesunde, regionale, saisonale und möglichst pflanzliche Verpflegungsangebote. Sie fordern Mehrwegsysteme, den Verzicht auf Einwegplastik, bedarfsgerechte Planung und die Vermeidung überschüssiger Lebensmittel. Damit wird das Catering als Teil einer allumfassenden ressourcenschonenden Tourstrategie verstanden.
Förderprogramm
Ein bisher einmaliges Förderformat, das genau diese Brücke zwischen Nachhaltigkeit und praktischer Tourpraxis schlägt, ist der Green Touring Fonds in Hamburg. Dieser wurde im Rahmen der Live Fonds-Initiative von RockCity Hamburg e.V. aufgelegt und richtet sich an Musiker:innen, Bands und DJs mit Wohnsitz bzw. Arbeitsmittelpunkt in Hamburg. Der Fonds erstattet einen Großteil der Reisekosten, wenn Konzert- und Tourauftritte mit klimafreundlichen Verkehrsmitteln wie öffentlichem Nah- oder Fernverkehr, Car-Sharing, Mitfahrgelegenheiten oder Elektrofahrzeugen erreicht werden. Je nach Förderrunde werden dabei bis zu 70 % (in 2025 sogar bis zu 87 %) der entstandenen Fahrtkosten zurückerstattet – mit einer maximalen Auszahlung von ca. 1 000 € pro Antrag. Die Förderung zielt bewusst darauf ab, klimaschonendes Touring zu belohnen und Anreize für eine nachhaltigere Mobilität in der Livebranche zu schaffen.
Solche Förderprogramme können einen wichtigen Beitrag leisten, um Slow-Touring-Ansätze konkret in der Praxis umzusetzen: Sie senken wirtschaftliche Hemmnisse für nachhaltige Reisen, machen klimafreundliche Mobilität im Touring-Alltag sichtbarer und schaffen Modelle, die auch andere Regionen inspirieren können.
Fazit
Slow Touring steht für einen Paradigmenwechsel in der Musikszene – hin zu Tourneen, die Entschleunigung, Umweltverantwortung und die Gesundheit der Künstler:innen in den Mittelpunkt stellen. Und es zeigt, dass künstlerische Mobilität und Klimaschutz sich nicht ausschließen müssen, sondern sich gegenseitig bereichern können. Wenn daraus auch noch alternative Einnahmequellen für die Artists entstehen, trägt das Konzept auch zur wirtschaftlichen Konsolidierung bei.
Slow Touring steht damit exemplarisch für eine zukunftsfähige Livekultur: Tourneen werden als kulturelle Prozesse verstanden – eingebettet in lokale Kontexte, ressourcenschonend organisiert und offen für Austausch. Für eine Branche im Wandel ist dies weniger Trend als vielmehr strategische Notwendigkeit.
© 2026 RockCity // Martina Zurhold