Tour-Rider im Musikgeschäft – zwischen Technik, Komfort und Nachhaltigkeit

  • RockCity // Martina Zurhold
Publiziert am 23.02.2026

Ein Tour-Rider ist weit mehr als nur eine Wunschliste für Künstler:innen – er ist ein verbindlicher Anhang zum Veranstaltungsvertrag, der regelt, was für eine reibungslose Show notwendig ist. Der Beitrag erläutert die unterschiedlichen Arten von Tour-Ridern und stellt den 2025 gelaunchten interaktiven Green Touring Rider von RockCity Hamburg und Music Declares Emergency vor.

Traditionell legt der Tour-Rider die technischen und logistischen Anforderungen eines/r Künstler:in für eine Tournee oder Show fest (sog. Technical- oder Tech-Rider). Er stellt sicher, dass der/die Musiker:in unter optimalen Bedingungen auftreten kann und die Veranstaltenden die nötigen Ressourcen bereitstellen. Er enthält detaillierte Informationen zu Bühnentechnik, Beleuchtung, Ton, Backstage-Bereich, Verpflegung und anderen spezifischen Bedürfnissen des/r Künstler:innen. In den letzten Jahren ist der Tour-Rider um die Bereiche Hospitality (dt. Gastfreundlichkeit) und Nachhaltigkeit erweitert worden (Green Rider).

Der Hospitality-Rider formuliert zumeist die persönlichen Anforderungen und Wünsche des/r Künstler:innen wie die Ausstattung des Backstage-Bereichs, die Einrichtung sog. Safer Spaces. Größe und Zusammensetzung der Travel-Party, Gender-Ansprache von FLINTA*-Personen oder einen Code-of-Conduct.

Der Green Rider setzt Nachhaltigkeitsstandards, etwa durch die Forderung nach Mehrweg-Geschirr statt Einwegplastik, regionalem Catering, klimafreundlichem Transport oder CO2-Kompensation. Dieser Teil zeigt, dass Rider nicht nur technische und komfortbezogene, sondern auch gesellschaftliche und ökologische Verantwortung abbilden können.

Funktion und Bedeutung

Ein Rider dient in erster Linie der Absicherung: Er stellt sicher, dass Künstler:innen und Crew am Auftrittsort die Bedingungen vorfinden, die sie für eine erfolgreiche Show brauchen. Der Technical-Rider sorgt dafür, dass Ton- und Lichttechnik kompatibel ist, die Bühne passend eingerichtet oder die nötige Stromversorgung vorhanden ist. Fehler in diesem Bereich können den gesamten Auftritt verzögern und gefährden.

Der Hospitality Rider hingegen betrifft das Wohlbefinden und Miteinander. Lange Anfahrten, Soundchecks, Interviews und Auftritte sind körperlich wie mental anstrengend. Hier geht es um Essen, Getränke, Rückzugsräume und manchmal auch kleine Details, die für eine gute Stimmung sorgen.

Der Green Rider schließlich setzt ein Statement: Er zeigt, dass Künstler:innen Wert auf Klima- und Umweltschutz legen und dieses Teil ihres Werte-Schemas ist. Je nach Bekanntheitsgrad und Reichweite einer/s Künstler:in, gibt ein Green Rider Anregungen für umweltfreundliche Maßnahmen oder fordert diese ein.

Geschichte und Mythen

Tour Rider sind berüchtigt für absurde Forderungen. Das bekannteste Beispiel: Van Halen verlangten in den 1980er Jahren, dass in der Garderobe eine Schale M&Ms bereitstehen müsse – allerdings ohne die braunen. Was nach Rockstar-Allüren klingt, war in Wirklichkeit ein cleverer Trick: Die Band wollte prüfen, ob Veranstaltende das gesamte Dokument sorgfältig gelesen hatten.

Mary J Blige und Beyonce forderten unabhängig voneinander, dass vor ihrer Ankunft sämtliche Toilettensitze im Backstage durch neue ersetzt werden. Auch heute finden sich immer wieder kuriose Einträge – von handgefiltertem Quellwasser bis hin zu weißen Orchideen im Backstage. Solche Details haben einen hohen PR-Wert, lassen aber oft vergessen, dass Rider in 95 % der Fälle praktische Arbeitsdokumente sind.

Manche Bands formulieren bewusst kreative Anforderungen, etwa nur lokales Bio-Bier im Kühlschrank oder spezielle Dekoration für die Backstage-Räume. Hier zeigt sich, dass selbst kuriose Punkte einen ernsthaften Kern haben können. Ein positives und inspirierendes Umfeld behind-the-stage kann die Kreativität und Leistung der Künstler:in auf der Bühne begünstigen.

Der Rider in der Praxis

In der Praxis wird ein Rider zwischen Booking-Agentur, Tourmanagement, Artist und der Venue bzw. der/dem Veranstaltenden abgestimmt. Große Acts arbeiten mit umfangreichen PDF-Dokumenten, die von Lichtdesign bis Barrierefreiheit alles genau festlegen. Für kleinere Indie-Acts reicht oft eine Seite mit den nötigsten Angaben.

Rider sind zudem verhandelbar: Nicht jede Venue kann jede Forderung erfüllen, besonders in kleineren Clubs oder bei Tourneen in Ländern mit anderen Standards. Dann liegt es an der Kommunikation unter den Beteiligten, Kompromisse zu finden. Auch das Budget spielt eine Rolle – ein Superstar kann auf bestimmte Standards bestehen, eine Newcomer-Band eher nicht.

Aktuelle Entwicklungen

Der Tour Rider ist im Wandel. Digitale Formate (PDF, Cloud, Datenbanken) haben längst die alten Fax-Dokumente ersetzt.

Besonders sichtbar ist der Trend zum Green Rider. Seit den 2010er Jahren hat die wachsende Sensibilisierung für ökologische Nachhaltigkeit dazu geführt, dass Green Rider immer häufiger werden (Credits gehen an dieser Stelle an Julie’s bycicle, die 2019 einen ersten Leitfaden für Musiker:innen veröffentlicht haben, und an das Green Touring Network mit dem ersten deutschsprachigen Leitfaden im Jahr 2021). Zumeist handelt es sich um eine Art Leitfaden oder Checkliste, die konkrete Maßnahmen zur Reduzierung von Klima- und Umweltauswirkungen beinhaltet, vom Verzicht auf Plastikflaschen, bevorzugte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, lokale Caterer, Mülltrennung im Backstage.

2025 haben RockCity Hamburg und Music Declares Emergency den ersten interaktiven Green Touring Rider veröffentlicht, der mit wenigen Klicks – um genau zu sein: 5 Klicks – einen persönlichen, den jeweiligen Tour-Gegebenheiten angepassten, Green Rider erstellt. Man wählt die Anzahl der Gigs, die Art der Venues, das Territorium, die Größe der Travel-Party und den Umfang des persönlichen Engagements - engagiert oder sehr engagiert – aus, und der Rider generiert automatisch Tipps und Empfehlungen für klimafreundliche Auftritte und Tourneen. Jetzt kann man die Ergebnisse noch filtern, nach „Alle Infos“, „Artist Tipps“ und „Dein Rider an Veranstaltende“. Letzterer ist der Rider, der – wie der Titel schon sagt – an die/den Veranstaltenden geschickt werden kann. Eine Kopierfunktion ermöglicht das Übertragen in die eigene CI.

Als besonderes Bonbon bietet die Website eine deutsche Vertragsvorlage für Musiker:innen an, die Umwelt- und Nachhaltigkeitsklauseln in ihren Gastspielvertrag aufnehmen möchten. Mit der Green Touring Rider Web-App gibt es keine Ausrede mehr. Nie war es leichter, einen Green Touring Rider zu erstellen und so Gigs und Konzerttouren klimafreundlicher zu gestalten.

Tipps für Musiker:innen

  • Klar und präzise bleiben: Technische Anforderungen sollten eindeutig formuliert sein, am besten mit Skizzen oder Equipment-Listen.
  • Realistisch bleiben: Ein Rider ist kein Wunschkonzert. Wer als Indie-Act in einem 100er-Club spielt, sollte nicht fünf Sorten Champagner verlangen.
  • Eigene Prioritäten setzen: Was ist unverzichtbar, was wäre nur „nice to have“? Diese Unterscheidung erleichtert die Zusammenarbeit mit Veranstaltenden.
  • Green Rider integrieren: Selbst kleine Maßnahmen – etwa „kein Plastikbesteck“ – können Wirkung zeigen und ein Statement setzen.

Fazit

Nachhaltiges Touren ist Teamwork! Nur wenn alle involvierten Gewerke zusammenarbeiten, kann es gelingen, Klimaschutz fest auf den Tourplan zu setzen.

Der Tour Rider ist DAS Kommunikationswerkzeug für reibungslose und erfolgreiche Auftritte zwischen Künstler:in und Veranstaltenden: Er zeigt, wie Künstler:innen arbeiten, was ihnen wichtig ist und wie sie wahrgenommen werden möchten. Vom technischen Regelwerk über die Wohlfühl-Oase bis hin zum Nachhaltigkeitsmanifest – Rider sind längst mehr als bloße Wunschlisten. Sie sind Teil der professionellen Identität einer Band oder Künstler:in.